KP Chinas streicht Begriff Revisionismus aus ihrem Wörterbuch



Spezielle Wörterbücher in den kommunistischen Parteien haben Tradition. Ehemalige SED-Mitglieder werden sich sicher noch an die Wörterbücher zur Politischen Ökonomie, zur Philosophie usw. erinnern. Sie sollten einerseits den Genossen inhaltliches Wissen und Erklärungen zu Grundbegriffen des wissenschaftlichen Sozialismus vermitteln, sie spiegelten zugleich auch die Politik der Parteien und deren politisches Verständnis wider.

Ein solches Wörterbuch gibt es auch in China, das an den Parteischulen der KP Chinas Verwendung findet und die Sicht und Erklärungen der Partei auf Grundbegriffe der politischen Arbeit und gesellschaftlichen Entwicklung enthält.

Im Zuge der sogenannten "Öffnungs- und Reformpolitik" haben sich die Inhalte politischer Begriffe in der KP China und ihrer öffentlichen Darstellung deutlich verändert.

Eine dieser Veränderungen ist besonders bemerkenswert. Im neuen Wörterbuch der Parteihochschule wurde der Begriff "Revisionismus" komplett gestrichen. Die "Welt Online" vom 01. Juni 2010[1] zitiert dazu die Begründung aus der chinesischen Parteizeitung "Volkszeitung", warum man den Begriff "Revisionismus" verschwinden ließ. Dort heißt es: "„Wir reflektieren nur die jetzige Lage, wir entsprechen dem jetzigen Momentum und dienen ihm."

Die chinesische KP meint also, in der Entwicklung Chinas nun soweit gekommen zu sein, daß es am dienlichsten ist, über "Revisionismus" am besten gar nicht mehr zu reden. Um sich nicht mit ihm auseinandersetzen müssen, tilgt die KP Chinas einfach das Wort aus dem Sprachgebrauch. Damit verschwindet der Begriff "Revisionismus" nun aus der Parteisprache, ebenso wie schon zuvor z.B. der "Klassenkampf". Den hat die KP Chinas auch abgeschafft: Mit einem Federstrich, indem man die neue chinesische Bourgeoisie einfach zur werktätigen(!!) Klasse der patriotischen Kapitalisten machte, die zusammen mit den drei anderen werktätigen Klassen (das sind nach Angabe der KP Chinas die Arbeiter, die Bauern, die Kleinbürger) in Harmonie die neue Gesellschaft aufbauen.

Eine kommunistische Partei, die den Klassenkampf und den Kampf gegen den Revisionismus nicht nur nicht führt, sondern die Existenz vom Klassenkampf und Revisionismus sogar leugnet, ist in ihrem Inhalt keine kommunistische Partei. Die Aufgabe von Klassenkampf und des Kampfes gegen den Revisionismus ist unvereinbar, absolut unvereinbar mit den Prinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus.

Wir erinnern daran, daß wir gemeinsam mit anderen auf dem Boden des Marxismus-Leninismus stehenden Kommunisten festgestellt haben, daß das Vordringen und die letztliche Dominanz revisionistischer und reformistischer Strömungen in den ehemaligen kommunistischen Parteien der Konterrevolution das Tor geöffnet hat und die Hauptursache für die verheerenden Niederlage des Sozialismus von 1989/90 war. Eine Lehre, die uns die Geschichte mehrfach erteilt hat, man bedenke nicht zuletzt die Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie, die als marxistische Partei begründet wurde und in Folge revisionistischer und reformistischer Einflüsse 1914 mit der Zustimmung zu 1. Weltkrieg für alle sichtbar offenen Verrat an den Interessen der Werktätigen und der Arbeiterbewegung beging, mit all den schrecklichen Folgen, wie z.B. die Niederschlagung der Novemberrevolution 1919 in Deutschland mit Hilfe der SPD. Und wir erinnern daran, daß ehemals marxistische bzw. marxistisch-leninistische Parteien, einmal verbürgerlicht, nicht wieder zu ihren ursprünglichen Wurzeln zurückfanden.

Für die Einstellung des Klassenkampfes und des Kampfes gegen den Revisionismus oder gar die Ausmerzung dieser Begriffe durch eine "kommunistische" Partei gibt es keine strategischen oder taktischen Umstände, die ein solches Verhalten rechtfertigen könnten.

Mit der Streichung des Begriffs Revisionismus hat die KP Chinas offen demonstriert, daß es sie keinen Anlaß mehr sieht, gegen den Revisionismus vorzugehen, weil sie selbst inzwischen vollständig auf revisionistische Positionen übergegangen ist.

Uwe Langer

[1] Welt Online, vom 01.06.2010, "China sagt statt Genosse jetzt Herr und Frau"



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