Zum Tod von Nelson Mandela



Mandela kann kein Vorbild sein für all jene, die um ihre politische und soziale Befreiung kämpfen. Er ist nur ein mahnendes Beispiel dafür, dass es keine Versöhnung mit Kapital und Imperialismus geben kann. Versöhnung heißt stets nur Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse, Verrat an den unter Ausbeutung und Unterdrückung Leidenden. Eine solche Versöhnung dient allein der Aufrechterhaltung und Stabilisierung der Herrschaft des Kapitals. Südafrika ist ein Beweis dafür.

(08.12.2013) Am 5. Dezember 2013 starb der südafrikanische Politiker Nelson Mandela. Ehemals Kämpfer gegen das rassistische Apartheid-Regime in Südafrika, viele Jahre inhaftiert, später „versöhnt“ mit den in- und ausländischen Unterdrückern der nach wie vor in Armut lebenden, vor allem schwarzen Arbeiterklasse. Nun tragen imperialistische Politiker Mandela wie eine Ikone vor sich her und singen die Medien des Finanz- und Monopolkapitals Loblieder auf ihn. Dieselben imperialistischen Mächte und Medien, die Mandela einst einen „Terroristen“ nannten.

In seiner politischen Entwicklung hat sich Mandela in seinen Jugendjahren zweifellos Anerkennung im Widerstand gegen die Rassengesetze und die besonders harte Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in Südafrika verdient. Eine klare politische Orientierung konnte man allerdings kaum bei ihm erkennen. Nahezu beliebig bediente er sich wechselhaft bei verschiedenen Weltanschauungen, Religionen und Strömungen. Er war akademisch gebildet, in seiner Herkunft und Anschauung kleinbürgerlich geprägt.

Eng verbunden war Mandela mit dem African National Congress (ANC), der führenden Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika. Die politisch heterogene Organisation umfasste zwar auch marxistische Strömungen und unterhielt Kontakte zur kommunistischen Partei, sie war aber ihrem Charakter nach eine bürgerliche Bewegung, vor allem getragen von der gebildeten, sich oft elitär verstehenden „höheren Schicht“ innerhalb der schwarzen Bevölkerung. In diesem kleinbürgerlichen Charakter liegt letztlich auch die Erklärung für die Brauchbarkeit Mandelas und des ANC für einen „versöhnlichen“ Übergang von der offen diktatorischen, rassistischen Herrschaft des Kapitals zur bürger- lichen Scheindemokratie, die –  formell – den Rassismus in Südafrika abschaffte.

Der wachsende innere Widerstand, der damit verbundene hohe Aufwand zu dessen Unterdrückung, die zunehmende internationale Isolierung des Apartheid-Regimes in Südafrika, brachten das südafrikanische Kapital und seine imperialistischen Bündnis- partner letztlich zur Einsicht, dass diese Art der Herrschaft den Profit und die Stabilität des Kapitalismus in Südafrika gefährdete.

Nicht aus Einsicht in das Unrecht, sondern allein aus den Gründen der Macht- und Profitsicherung nahm der kapitalistische Staat deshalb Verhandlungen mit dem ANC und mit Nelson Mandela als dessen Symbolfigur auf. Der Deal: Das Apartheid-System wird offiziell aufgehoben und die Elite des ANC an der Macht beteiligt. Im Gegenzug verzich- teten Mandela und der ANC auf jede Maßnahme gegen das kapitalistische System und die Repräsentanten der Apartheid.

Diese sogenannte Aussöhnung lag allein im Interesse der „weißen“ Bourgeoisie, der neu aufstrebenden „schwarzen“ Bourgeoisie und dem internationalen Kapital. Genau deshalb feiert seitdem die großbürgerliche Propaganda diese „Aussöhnung“ als die „größte Leistung“ Mandelas.

In der Praxis heißt das, dass dieselben in- und ausländischen Banken und Konzerne, die unter dem Apartheid-Regime glänzende Profite auf Kosten der erbarmungslos unterdrückten schwarzen Bevölkerung machten, nahtlos weiter ihre Profite auf Kosten der armen schwarzen Bevölkerung machen konnten. Lediglich eine kleine Oberschicht der schwarzen Bevölkerung profitierte tatsächlich nachhaltig von der Aufhebung der Rassengesetze. Ganz im Sinne des bürgerlichen Verständnisses von Demokratie, konnte nun ein Ausbeuter „weiß“ oder „schwarz“ sein. Das Wichtigste war, dass die eigentlichen Klassenverhältnisse nicht angetastet wurden.

Mandela wird von den Imperialisten gefeiert, weil er einen wesentlichen Beitrag zur Rettung des Kapitalismus in Südafrika geleistet hat. Mandela wird dafür gefeiert, weil er und der ANC mit ihren Versprechungen auf einen „friedlichen Übergang zu Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Wohlstand“ dem Widerstand gegen Apartheid und Kapitalismus die Kraft genommen und durch  Illusionen ersetzt haben. Mandela wird von den Imperialisten gefeiert, weil er und der ANC verhindert haben, dass die Verbrechen des Apartheid-Systems verfolgt und bestraft wurden.

Mandela und der ANC haben dafür gesorgt, dass die Herrschaft des Kapitals in Südafrika ungebrochen fortgesetzt wurde. Hätte er Maßnahmen unternommen, die die Macht der Monopole auch nur begrenzt hätten, würde man ihn heute in den imperialistischen Staaten und Medien gewiss nicht ehren, sondern ebenso mit Schmutzkübeln des Hasses übergießen, wie man das  z.B. mit Hugo Chávez zu dessen Lebzeiten und nach dessen Tod machte. Hugo Chávez Präsidentschaft war ein Schrecken für die Klasse der Ausbeuter, für den Imperialismus. Mandela war in seiner Präsidentschaft nie ein Chávez. Mandela war ein treuer Vollzugsgehilfe der Interessen des Kapitals und des Imperialismus.

Mancher mag die Lobhudeleien für Nelson Mandela aus den Amtsstuben und den Presseredaktionen des Imperialismus als ehrenvoll, als Anerkennung empfinden. Eine Anerkennung, die Mandela sich erkaufte mit dem Verrat an den Interessen des werk- tätigen Volkes in Südafrika. Neu sind in Südafrika die Protzbauten der politisch und moralisch verkommenen ANC-Regierung und ihrer Günstlinge. Alt sind die Armuts- hütten der schwarzen Bevölkerung. Für die Armen hat sich – abgesehen von wenigen Vorzeigeprojekten – nichts geändert.

Wir unterschätzen nicht den Fortschritt, der sich mit der Abschaffung der Apartheid in Südafrika verbindet, soweit es die – zumindest formelle - Gewährung bürgerlicher Rechte anbelangt. Das ändert aber nichts daran, dass das kapitalistische System als Gesellschaft der Unterdrückung und Ausbeutung unverändert fortbesteht. Es hat sich lediglich die Staatsform verändert, von einer offenen Diktatur hin zur bürgerlichen Demokratie. Die bürgerliche Demokratie ist für gewöhnlich die „eleganteste“ Form, mit der das Kapital seine Herrschaft ausübt. Sie verschleiert am besten den wahren Charakter der Gesellschaft als eine reaktionäre, der Arbeiterklasse feindlich gegenüberstehende Herrschaft des Finanz- und Monopolkapitals.

Mandela hat bereitwillig der auf wirkliche Veränderungen hoffenden armen Bevölkerung Südafrikas den Schlafsand von dieser „Demokratie“ in die Augen gestreut. Es werden aber in Südafrika zunehmend mehr, die sich heute diesen Sand aus den Augen reiben und der Betrug erkennen. Der ANC hat bei einem immer größer werdenden Teil des Volkes an Reputation eingebüßt und selbst Mandela ist längst nicht mehr bei allen, die ihm einst geradezu gläubig folgten, das Idol, das heute von der imperialistischen Presse gezeichnet wird.

Wir versagen Mandela nicht den Respekt für den Teil seiner Biografie, in der er sich für die Beseitigung der Apartheid in Südafrika eingesetzt hat und dafür eingekerkert wurde. Wir können aber nicht übersehen, dass Mandela und der ANC in dem geschichtlichen Moment, wo sie ihre früheren Versprechen hätten einlösen müssen, diese Versprechen bewusst gebrochen und sich auf die Seite der Ausbeuter und Unterdrücker geschlagen haben.

Mandela kann deshalb kein Vorbild sein für all jene, die um ihre politische und soziale Befreiung kämpfen. Er ist nur ein mahnendes Beispiel dafür, dass es keine Versöhnung mit Kapital und Imperialismus geben kann. Versöhnung heißt stets nur Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse, Verrat an den unter Ausbeutung und Unterdrückung Leidenden. Eine solche Versöhnung dient allein der Aufrechterhaltung und Stabilisierung der Herrschaft des Kapitals. Südafrika ist ein Beweis dafür.

Eine abschließende Anmerkung: Einige kommunistische und linke Organisationen und Publikationen meinen, Mandela als „großen Revolutionär und aufrichtigen, ehrlichen Menschen“ feiern zu müssen und beklagen, dass die imperialistischen Politiker und Medien heuchlerisch in ihrer ehrenden Worten für Mandela seien. Sie würden über das Wirken von Mandela Lügen verbreiten.

Unsere Antwort: Mandela war nie ein „großer Revolutionär“, denn er wollte das ganze Gegenteil, nämlich eine Revolution verhindern. Deshalb seine Aussöhnungspolitik mit dem Imperialismus. Eine Aussöhnung, die das Gegenteil von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit ist.
Natürlich heucheln die imperialistischen Politik und Medien, auch in Bezug auf Mandela. In diesem Fall kann man aber gewiss davon ausgehen, dass es hier in der Tat die Art von „Dankbarkeit“ des Kapitals gibt, die es jenen entgegenbringt, die sich zum Quisling des Kapitalismus machen.

Mandela selbst hat sich beschmutzt, als er begann mit jenen gemeinsame Sache zu machen, die ihn früher in der Tat einen Terroristen nannten. Einige Kommunisten lügen sich einmal mehr selbst in die Tasche, wenn sie diese Tatsache offenbar allzu gern übersehen möchten. Vielleicht passt die versöhnlerische Politik Mandelas aber auch gut ins eigene Konzept mancher „Kommunisten“ vom „demokratischen Übergang“ aus dem Kapitalismus zum „Sozialismus“.

W.K.




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