Die Sozialistische Republik Vietnam 2013



Nun, Sozialistische Republik Vietnam lautet die offizielle Staatsbezeichnung. Aber der imperialistische deutsche Staat nennt sich offiziell auch Republik (also öffentliche Sache bzw. Sache des Volkes) und suggeriert so zwar nicht gleich Sozialismus, aber wenigstens Demokratie. Eigenaussagen von Staaten über sich selbst sind eben nicht immer vertrauenswürdig.

Also sah ich mir das mal näher an.

Im ganzen Land findet man noch kommunistische Symbole: Ho-Chi-Minh-Bilder auf Plakaten an den Straßen und auf Souvenirartikeln, rote Halstücher der Schüler, Denkmäler, Bücher usw..



Aussagekräftiger ist aber leider etwas Anderes. Meine erste Übernachtung hatte ich in Ho-Chi-Minh-Stadt. In einem spätfeudalen Hotel, dem „Windsor Plaza“. Dekadenz pur, mit Portiers und Empfangsdamen und viel Glitzer und Schnickschnack. In mein Zimmer hätte ein Volleyballfeld gepaßt, zugegeben, die Deckenhöhe hätte für Volleyball nicht gereicht. Im Foyer standen stapelweise Pappkartons für ein „Oktoberfest“. Oktoberfeste habe ich geradezu inflationär überall gesehen.

Morgens ging's dann weiter zum Urlaubsort. Vor den Geldautomaten aller Banken in Ho-Chi-Minh-Stadt standen bewaffnete Wachen. Eine Erscheinung, welche ich bisher nur in wenigen Ländern mit extrem hoher Kriminalitätsrate gesehen habe. Später bestätigte sich auch anhand der Aussagen Einheimischer, daß Saigon eine Hochburg aller möglichen Arten der Kriminalität ist und u.a. Benutzer von Geldautomaten ausgeraubt oder mit benutzten Heroinspritzen zu Abhebungen gezwungen werden.

Apropos Banken: Davon gibt’s eine Menge und wie für kapitalistische Staaten typisch ist, gehören ihnen die größten und modernsten Gebäude in den Städten.



Auf der weiteren Fahrt fielen mir besonders Busse auf, deren Fahrer auf die ohnehin sehr frei gehandhabten Verkehrsregeln (ich hörte, daß solche existieren, mehr, als das erkennbar war) völlig schissen. Eine Beobachtung war, daß die Fahrer im mehrspurig rollenden Verkehr während der Fahrt Fahrgäste auf der Überholspur „aussteigen“ ließen. Den Grund erfuhr ich auch später: Fernbusse versuchen mit allen Mitteln, Konkurrenten zu überholen und ihnen die Fahrgäste an der nächsten Haltestelle wegzuschnappen.

Das Hotel befand sich in einem innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampften Touristenzentrum. Kilometer vorher passiert man eine Mautstelle und kommt dann an umzäunten und bewachten entstehenden Villensiedlungen und einer gigantischen Wohnanlage vorbei, in denen sich vor Allem USAmerikaner angeeignet haben und aneignen, was sie im Vietnamkrieg nicht erobern konnten.

Spielcasinos, Gaststätten mit geschützten Arten in der Auslage, die Angebote illegalen Geldtausches und von „bum-bum“ an allen Ecken erübrigten fast die Information über offizielle Verbote und allgegenwärtige Korruption.

Im Fernsehen dominieren USAmerikanische Actionfilme und globalisierte Werbung. Nicht nur im Hotel, sondern auch auf den Fernsehgeräten in öffentlichen Gaststätten.

Bei der Neuaufteilung der Welt ist die B'R'D aber auch in Vietnam wieder mal zu kurz gekommen. Neben der Landessprache ist in Touristenzentren die Zweitsprache in diesem Touristenzentrum Russisch, die Drittsprache USAmerikanisch/Englisch und erst die Viertsprache Deutsch.



Allerdings sprechen einige Ältere öfter und gern deutsch. Weil sie als Lehrlinge oder Studierende in einer besseren Gesellschaft gute Erfahrungen mit Deutschland gemacht haben. Allerdings nur mit dem Teil diesseits des ehemaligen antifaschistischen Schutzwalls. Ein Vietnamese meinte (ich hoffe, das wörtlich wiederzugeben): „Früher alles Erich. Jetzt alles Helmut. Erich war besser.“ Damit bezog er sich offensichtlich nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf Vietnam. Er versuchte wohl nur, deutschen Touristen auf deren Erfahrungsebene klarzumachen, wie er Sozialismus und Kapitalismus sieht. Und die Veränderungen in seiner Heimat.

Ach ja, ich möchte nicht unterschlagen: Vietnam ist ein absolut empfehlenswertes  Reiseland. Möchte man verschiedene Landesteile kennenlernen, sollten viel Zeit oder Inlandflüge eingeplant werden. Verkehr und Straßenzustand gestatten über lange Strecken bestenfalls 30-40 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit. Und das Land ist über 1600 km lang. Luftlinie.

Klimazonen, Landschaft, Natur, Kultur: atemberaubend und das, was man sich unter „exotisch“ vorstellt.

Menschen: freundlich-zurückhaltend, gegenüber großspurigen Touri-Arschlöchern abweisend oder (wenige) schleimig-entgegenkommend.

Essen: hygienisch nach meiner Erfahrung unbedenklich, vielfältig und hervorragend. Einiges davon ist – zurückhaltend ausgedrückt – ungewohnt. Obwohl der Kaffee, der erst an Katzen verfüttert und nach dem Kacken geröstet, gemahlen und gebrüht wird, auch hierzulande als schweineteure Spezialität bekanntgeworden ist, war mir irgendwie nicht nach geröstetem Katzenkot, der mal Kaffee war.

Da kamen die gerösteten Grillen mit scharfer Sauce wesentlich besser. Auch wenn ich vermute, daß die Grillenzucht überwiegend für Haus-, Nutz- und Zootierfutter betrieben wird und die Verfütterung an Touristen nur eine willkommene Nebeneinnahme ist. Schön knusprig und würzig.



Also ein absolut emfehlenswertes Reiseland, sowohl für Jene, die ihren ganzen Urlaub am Hotelpool herumoxidieren, als auch für die, welche auch was von Land und Leuten sehen wollen.

Aber zurück zu den gesellschaftlichen Erscheinungen: In der Bevölkerung Vietnams sind sozialistische Symbole und Verhaltensmuster noch weit stärker verankert als in der ehemaligen DDR. Die Erklärung ist einfach: Vietnam wurde nicht annektiert wie die DDR, sondern wird  infiltriert. Ähnlich wie China und Cuba, nach meinem Eindruck zunehmend auch die DVRK.

Sozialismus hat bekanntlich zwei Hauptmerkmale: überwiegend gesellschaftliches Eigentum an gesellschaftlichen Produktionsmitteln (dafür sah ich keinen Anhaltspunkt) und politische Herrschaft der Arbeiterklasse (wogegen auch  so ziemlich alles sprach). Andererseits sind sozialistische Verhaltensweisen und  Traditionen dort noch tief verankert.

Wie ist das einzuschätzen? Die ganze Erde befindet sich in einem wesentlich 1871 mit der Pariser Kommune begonnenen revolutionären Übergangsprozeß vom Kapitalismus zum Kommunismus. Die Konterrevolution ist seit 1989 wieder mal im Vormarsch, wie schon öfter: 1871 gab's noch wenig zu zerschlagen, ab 1917 und insbesondere ab 1945 wurde es zunehmend schwieriger. Heutige dem allgemeinen konterrevolutionären Prozeß entgegenlaufende revolutionäre Tendenzen sind vor Allem in Südamerika anzutreffen.

Vietnam ist derzeit in einem Übergangsprozeß – zurück vom sozialistischen Staat zur Kolonie großer imperialistischer Mächte. Viele sind schon „angekommen“, wie das heute im Orwellschen Neusprech heißt. Andere erinnern sich. Widerstand war nicht sichtbar.

Die menschliche Geschichte steht niemals still. Auch Tendenzen ändern sich. Vietnam ist – bei allen konterrevolutionären Erscheinungen und Tendenzen – ein dynamischer Staat, über den das letzte, imperialistische Wort noch nicht gesprochen ist.

T.R.


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